Rumpelstilzchen und der Wolf verlieren immer

Fangen wir mit einer tiefschürfenden Erkenntnis an: „Wenn wir nicht einfach in den Tag hinein leben, sondern uns unserer Existenz voll bewusst sein wollen, ist es unsere größte und zugleich schwerste Aufgabe, in unserem Leben einen Sinn zu finden.“

Diesen Satz stellte der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim an den Anfang seines Buches „Kinder brauchen Märchen“. Was er damit meint? Dass auch Kinder einen Sinn in ihrem Leben suchen und dass Märchen ihnen dabei helfen. Und zwar gerade deshalb, weil sie so zauberische, eigentlich unrealistische Geschichten erzählen.

Wer bin ich? Wo komme ich her? Wie ist die Welt entstanden? Sind die Eltern gütige Mächte? Gibt es Hoffnung, wenn ich etwas Böses getan habe?

Genau darauf geben Märchen richtige Antworten. Erwachsene mögen die für wirklichkeitsfremd halten, aber Kinder, sagt Bettelheim, können mit den „realistischen Erläuterungen“ der Erwachsenen gar nichts anfangen. Nicht, weil sie dumm wären, sondern deshalb, weil ihr abstraktes Verständnis für wissenschaftlich korrekte Antworten noch nicht entwickelt sei.

Am besten, so rät Bettelheim, sollten Eltern ihren Kindern Märchen einfach erzählen oder vorlesen. Von Märchenbüchern mit Bildern und Illustrationen hält er dagegen wenig. Die würden dem Kind die „eigenen optischen Assoziationen” nehmen.

Das Erzählen habe noch einen positiven Effekt: Eltern würden stillschweigend Zustimmung signalisieren, wenn die Helden der Märchen scheinbar übermächtige Dämonen mit List besiegen. Wie das? Weil sich das Kind mit dem Held identifiziert, die Eltern dagegen auch als übermächtige Instanz empfindet. So gesehen vermittle ein Märchen Hoffnung.

Was Eltern dagegen tunlichst lassen sollten: Kindern das Märchen zu erklären, indem sie z.B. meinen, es gebe in Wahrheit keine Hexen oder Wölfe könnten nicht sprechen. Das würde seine Wirkung zerstören. Sehr frei nach Bettelheim: Hier verhält sich ein Märchen wie ein Witz. Man lacht, wenn man ihn erzählt bekommt, aber nicht, wenn jemand ihn erklärt.

Märchen, erkennt Bettelheim, sind im Grunde sehr einfach. Es gibt gut und böse, am Ende sind immer alle glücklich, „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“. Für Konfliktbewältigung unter Erwachsenen mag das zu einfach sein, aber Kindern verhilft genau diese Klarheit zu emotionaler Stabilität.

Lesetipps

„Hexen her!“ – Zeit Online

„Erzähl mir doch (k)ein Märchen“ – Bachelor-Thesis von Beate Walter

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