Geburtshilfe-Schließung in Bad Aibling: „Hausgeburt ist eine Option”

Seit heute ist die Geburtshilfe in Bad Aibling geschlossen. Das Thema wird seit Wochen kontrovers diskutiert. Eine der Hebammen dort war Nicole Heid von der Hebammenpraxis Lebensmomente in Kolbermoor. Sie kennt die Hintergründe – und kann der neuen Situation sogar Positives abgewinnen.

Frage: Was ist der Grund für die Schließung?

Nicole Heid: Um unsere Abteilung zukunftstauglich zu machen, hätte es bereits vor Jahren – acht bis zehn, um genau zu sein – nachhaltigerer Anstrengungen bedurft. Jetzt ist dem akuten Hebammen- und Ärztemangel, der ja mittlerweile bundesweit vorhanden ist, nicht mehr beizukommen. Für mich persönlich hat sich die Versorgung auch in eine falsche Richtung bewegt. Das kann man an der stetig steigenden Kaiserschnitt-Rate ablesen – mittlerweile 41 Prozent Sectiorate. Das ist bei dem niedrigen Risikoklientel nicht die Geburtshilfe, in der ich selber längerfristig arbeiten möchte.

Frage: Und nun?

Nicole Heid: Wie schon gesagt, die augenblickliche Situation ist aus meiner Sicht nicht zu ändern. Es wurde ja bereits viel hierzu berichtet, deshalb möchte ich darauf eigentlich gar nicht mehr eingehen, zumal die jetzige Verwaltung eigentlich alles richtig macht. Ein attraktives Umfeld für Ärzte und Hebammen zu schaffen geht eben nicht so auf die Schnelle, sondern braucht Zeit und eben auch Entwicklung. Ich will darum auch gar nicht ausschließen, dass Romed in der Zukunft noch einmal einen neuen Anlauf nimmt und die Geburtshilfe auf eine solide Basis gestellt wird.

Frage: Wie geht es jetzt weiter?

Nicole Heid: Wir Hebammen bleiben natürlich vor Ort und sind auch für Schwangere in Aibling und Umgebung da. Für die Geburten empfehlen wir die umliegenden Kliniken – Rosenheim, Wasserburg, Agatharied, Ebersberg, Traunstein oder Kufstein.

Anteil der Kaiserschnittgeburten in Bayern: 32 Prozent
Anteil der Kaiserschnittgeburten in Bad Aibling: 41 Prozent
Medizinisch notwendiger Anteil von Kaiserschnittgeburten: ca. 2 Prozent

Frage: Sind Hausgeburten eigentlich ein Thema?

Nicole Heid: Definitiv. Die Nachfrage dafür nimmt zu, in Aibling sogar verstärkt, seit die Schließung der Geburtshilfestation im Gespräch ist. Ich finde das auch völlig richtig. Eine Geburt ist keine Krankheit. Wenn Mutter und Kind gesund sind ist eine Hausgeburt eine ernsthafte Option.

Frage: Warum sind Hausgeburten dann so selten?

Nicole Heid: Weil in allen Beratungen seit Jahrzehnten viel zu stark die Risiken und Probleme als Maßstab der Normalität vorgeführt werden. Das geht schon bei den Vorsorgeuntersuchungen los, mit der Fokussierung auf Risiko und zusätzliche angeblich notwendige Untersuchungen beim Frauenarzt. Das reicht vom Toxoplasmosetest bis zu zusätzlich zu kaufenden Ultraschalluntersuchungen mit fraglichem Nutzen. Im Endeffekt führt das dazu, dass Schwangerschaft und Geburt pathologisiert werden. Den Frauen wird eingeredet, sie könnten sich keine Geburt mehr zutrauen. Sich daran zu beteiligten, das kann keine Hebammenarbeit sein.

Kosten für eine Kaiserschnittgeburt: ca. 3000 €
Kosten für eine normale Klinik-Geburt im Kreißsaal: ca. 1500 €
Kosten für eine Hausgeburt: ca. 600 €

Frage: Wie würden Sie Ihren Ansatz beschreiben?

NIcole Heid: Mit einer Metapher. Stellen Sie sich eine Trapezkünstlerin im Zirkus vor. Wenn die sich ein Sicherheitsnetz aufspannen lässt, dann ist das vernünftig. Das Netz hat sie aber nicht deshalb, um sich von vorneherein heineinplumpsen zu lassen, sondern dazu, um mit einem sicheren Gefühl ans Trapez zu gehen. Der Massenbetrieb der Geburtshilfe, ablesbar an der viel zu an hohen Kaiserschnittrate und Interventionen in der Geburtshilfe von 41 Prozent, ist das unnötige Plumpsenlassen ins Netz, ohne es am Trapez überhaupt versucht zu haben. Wenn eine Frau eine Geburt aber allein geschafft hat, dann wird sie daran stärker – nicht anders wie die Trapezkünstlerin, wenn sie am Ende das Netz nicht brauchte.

Interview: Christoph Lemmer

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